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Lothar Fritsch:
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Island - Iceland - Islande

Tauchen zum Mittelpunkt der Erde

Lothar Fritsch taucht in die gefluteten Grabensysteme Islands, genau auf dem Mittelatlantischen Rücken, wo Kontinentaldrift die Insel zerreißt und gleichzeitig nach Europa und Amerika schiebt.

Ich drücke den Knopf am Auslaßventil. Die Welt verschwindet – und mit ihr die bemoosten, schwarzen Lavaklippen, die links und rechts von mir aus dem Wasser ragten. Die Luft sprudelt aus der Tauchweste. Ich halte mir die Nase zu, atme aus – der Druckausgleich ist hergestellt. Die Tauchmaske saß nicht fest genug – schon ist sie voll gelaufen. Ich atme durch die Nase kräftig in die Maske aus und dränge das Wasser heraus. In fünf Metern Tiefe beginne ich meine Umgebung wahr zu nehmen. Ich schwebe schwerelos in einer Schlucht. Kaum mehr als einen Meter rechts und links von mir befinden sich die – nun blau-schwarz schimmernden – senkrechten Basaltfelswände. Weit unter mir ist der Boden der Schlucht, übersät mit Felsbrocken. Blick nach vorne: Der Canyon setzt sich fort – zwei schwarze Wände, dazwischen verlieren sich in der Ferne die Konturen in der schimmernden Bläue. Das Wasser ist so klar, und doch so eingezwängt in den Canyon, dass sich Entfernungen nicht mehr abschätzen lassen. In der Mitte schwebe ich - um mich herum die anderen drei Taucher. Hedinn Olafsson, Inhaber des Tauchunternehmens DiveIceland.com, führt uns an. Er schwebt langsam an mir vorbei, während Anja Hejde – Anwältin aus Dänemark - , Walter Jade - Regierungsbeamter der Vereinigten Staaten - und ich uns noch an die Trockentauchausrüstung gewöhnen und uns an der ungewohnten Perspektive erfreuen. Normalerweise reicht beim Tauchen der Blick unendlich in alle Himmelsrichtungen, nicht bloß nach vorne und oben, eingerahmt von schroffen, kantigen Felsen, welche zur Rechten und Linken bis in die hellblaue Unendlichkeit zur reichen scheinen.

Die Aussicht in der Silfra-Spalte fasziniert die Taucher.

The divers enjoy the fascinating view of the Silfra ravine.

Les plongeurs sont fascinée par la vue dans la fissure Silfra.

Die Vorbereitung zum Tauchgang begannen inmitten der Isländischen Heide an Hedinns Kleinbus. Wir bekamen unsere Ausrüstung zugeteilt: Trockentauchanzüge, Flasche, zwei Atemregler, Flossen, Bleigürtel und Maske. Bei einem Spaziergang zum Einstiegspunkt – einer kleinen Stahlplattform am mit Wasser gefüllten Graben – bekamen wir unser Briefing zum Tauchgang. Dann galt es, die Ausrüstung anlegen. Flaschendruck und Atemregler überprüfen. Ob das Wasser wohl kalt ist? Anja raucht noch schnell eine Zigarette. Ich schieße ein Foto von ihr. „Es wird heißen: Dir letzte Zigarette“, witzele ich. Hedinn kommentiert grinsend: „Wenn ich gewusst hätte, dass Du rauchst, hätte ich Luft mit Marlboro-Geschmack in Deine Flasche gefüllt.“ Hedinns Sommer war gut. Es war viel zu tun. Gerade erst kehrte er von einer einwöchigen Tauchtour zu Eislagunen, unterseeischen heißen Quellen und Schiffswracks zurück. Gut für ihn – seine Familie braucht ein Eigenheim.
Island ist eine Insel, geboren aus dem Erdinneren. Gelegen im nördliche Teil des kontinentalen Grabenbruchs im Atlantik, dem mittelatlantischen Rücken. Hier reißt die Kraft der Lavaströmungen unter den Kontinenten Amerika westwärts und Europa wie Afrika ostwärts. Island entstand aus Lava, die auf dem entstehenden Riss unterseeische Vulkanberge aufbaute, bis schließlich Island aus dem Wasser ragte. Seit rund 17 Millionen Jahren ragt Island aus dem Meer, der Vulkanismus ist aber mitnichten erloschen. Islands Ruf als „Insel aus Feuer und Eis“ zeugt von regelmäßigen Vulkanausbrüchen. Doch damit nicht genug. Ein System von Gräben und Rissen zieht sich durch Island, von der Gegend um Reykjavik in nordöstlicher Richtung bis zur östlichen Nordküste bei Akureyri. Der mittelatlantische Rücken zieht sich quer durch die Insel und reißt sie unweigerlich auseinander. An der Erdoberfläche, im Trockendock sozusagen. Höchstens in Ostafrika kann man noch einen vergleichbaren Blick auf die Kontinentaldrift werfen.

Im Thingvellir-Nationalpark zerreisst der Mittelatlantische Rücken die isländische Landschaft.

The mid-atlantic ridge parts the landscape in Iceland's Thingvellir national park.

Le pays du Islande parte dans le parc national du Thingvellir sur la dorsale médio-atlantique.

Hedinn gibt Taucherzeichen. Wir folgen ihm, schweben gemeinsam durch die Basaltschlucht. Links Europa, rechts Amerika. Ob sich die Schlucht bei Erdbeben verbreitert? Oder einstürzt? Geröll schichtet sich zu einem Haufen knapp unter der Wasseroberfläche – so nah, dass wir darüber robben müssen – mit 12 Kilogramm Bleigewichten und Tauchflaschen auf dem Rücken. Nach ein paar großen Brocken kippt der Boden weg wie auf einer Achterbahn. Hinab geht es, zurück in die Tiefe der Schlucht.
Hedinn bleibt zurück, bis alle den Geröllhaufen überwunden haben. Mein Tiefenmesser zeigt 16 Meter an - ich schwebe weit über dem Boden. über mir zieht sich eine blaue Zickzack-Linie durch den sonst schwarzen Himmel. Die anderen Taucher folgen, Hedinn zückt seine wasserfeste Tauchkamera. Eine CD voller Erinnerungsfotos ist für jeden Taucher im Preis inbegriffen. Schleier von Luftblasen steigen von den Tauchern auf bis zum blauen Band am Himmel. Wellen kräuseln sich da oben im Wind wie Schäfchenwolken. Unter mir öffnet sich ein schwarzer Schlund im Boden. Eine Brücke aus Felsblöcken und Geröll bildet eine Zwischendecke in der Schlucht. Ich zeige in die Höhle hinein, Hedinn gestikuliert energisch in Richtung der höher liegenden Passage – die Höhle wird warten müssen. Nur vereinzelte Algen schweben im Wasser, sie reichen nicht aus, die Sicht von mehr als siebzig Metern zu trüben. Das Wasser ist frei von Schwebstoffen. Schließlich hat es eine lange Reise hinter sich, von den Gletschern des Hochlands, angereichert um Regenwasser, gefiltert von den Lava-, Sand- und Kieslandschaften auf seinem Weg in die Silfra-Spalte, worin wir gerade tauchen. Und mit zwei Grad Celcius ist es entscheiden zu kalt für starkes Algenwachstum. Anja fröstelt, während ich den Trockentauchanzug zu schätzen lerne. Ich erinnere mich nur zu gut an meinen Tauchkurs in einer Talsperre in Luxemburg – frieren bei vier Grad Wassertemperatur im Neoprenanzug. Im Vergleich dazu fühlt sich das Wasser in Silfra wie eine Wellness-Badewanne an – dank Hedinns Ausrüstung. Silfra ist die mittlere mehrerer kilometerlanger Risse im Thingvellir-Nationalpark, knapp eine Stunde Fahrzeit von Reykjavik entfernt. An diesem geschichtsträchtigen Ort traf sich seit dem Jahr 930 das Isländische Stammesparlament jährlich, um die Angelegenheiten des Landes zu regeln. Man kann sich kaum einen treffenderen Platz dafür vorstellen als genau jene Stelle, an der es Island nicht nur metaphorisch, sondern mit brutaler tektonischer Gewalt unaufschiebbar zerreißt und verändert. Hier wurde über Jahrhunderte die Isländische Politik entschieden und Gericht gehalten.
Wir schweben nach oben, die Schlucht wird flacher, eine Halde gelblich-grauen Sandes ragt in der Spalte bis zwei Meter unter der Wasseroberfläche. Oben setzt deutlich Strömung ein - das Wasser der Silfra-Spalte strömt nun im flachen Wasser zügig in den Thingvallavatn-See. Hedinn warnte uns beim Briefing davor – hier müssen wir scharf links abbiegen in eine lang gestreckte, flache Lagune, um nicht in den See abzudriften. Hier oben, nahe der Wasseroberfläche mischen sich wieder die Farben Grün und Rot unter das allgegenwärtige Blau. Die Lagune breitet sich mit wenigen Metern Wassertiefe vor mir aus. Lange Risse mit felsigen Kanten durchziehen den sandigen Untergrund. leuchtend grüne Algenfäden schweben im Wasser wie neongrüne Spaghetti. Wir erkunden die Risse, Felsen und Gräben der Lagune. Hedinn hatte beim Briefing die „wahre blaue Lagune“ Islands versprochen. Er hatte Recht. Blau-grün zieht sich der helle, mit Sediment bedeckte Boden bis in die Ferne. Dies ist eine angenehme Art, die Auftauchpause zu verbringen. Ich tauche an den Rissen im Boden entlang und halte Ausschau nach dem Murtan, einer Forellenart, die es nur hier im Thingvallavatn gibt. Allerdings lässt sich kein Fisch blicken – sie mögen tieferes Wasser, weiter draußen im See.

Taucher erkunden die Spalten voller klarem, kalten Wasser.

Divers explore the canyons filled with clear, cold water.

Les plongeurs explorent les fissure d'eau claire et froide.

Wir steigen auf einem Geröllhang der Lagune aus. Die Welt verändert sich wieder schlagartig zurück in die grüne, wellige Heidelandschaft, aus der wir vor knapp einer Dreiviertelstunde in den Canyon entschwebten. Bleigraue Wolkenmassen hängen am Himmel, ein paar Streifen blauen Himmels dazwischen. Ein paar Regentropen fallen. Von unten sehen die Regentropfen auf dem blauen Milchstraßenband der Siflra-Schlucht aus wie Sterne einer blauen Milchstraße. Das Wasser steht bis an die Grasmatten – nichts verrät von hier aus die bizarre Welt, durch die die Gruppe eben schwebte. Doch noch ist keine Zeit für Philosophie über die Geheimnisse der Tiefe – erst müssen wir mitsamt der Tauchausrüstung zurück um Ausgangspunkt, Hedinns Minibus. Wie kann eine schwerelose Tauchausrüstung nur so mühsam zu schleppen sein? Zum Wandern durch Heide- und Moorlandschaft ist sie jedenfalls völlig ungeeignet. Und wieder sollte Hedinn Recht behalten. „Falls jemand frieren sollte – am Ende wird Euch schon wieder warm werden!“, sagte er beim Briefing. Am Bus angekommen legen wir die Tauchausrüstung ab, wärmen auf, essen eine Kleinigkeit. Ein zweiter Tauchgang steht nach einer Stunde Pause an. Ich spaziere durch die Heide, schaue mir die Wassergräben und –tümpel darin an und versuche mir auszumalen, wie diese Schluchten wohl aus Taucherperspektive aussehen Hedinn packt seine Stulle aus und beginnt, beiläufig von seinen anderen Touren zu Islands Tauchzielen zu erzählen. Er erzählt von einem Wrack aus dem zweiten Weltkrieg. Dann vom geothermalen Kamin Strýtan auf einer unterseeischen heißen Quelle – das ist eine Röhre, aus der mineralisiertes, heißes Wasser strömt. An der 60 Meter langen Röhre soll es von Lebewesen wimmeln, die es sonst im kalten Nordatlantik nicht gibt. Und schließlich schwärmt er von der Gletscherlagune Jökulsarlon, wo man zwischen Eisbergen tauchen kann. Und natürlich erwähnt er ganz beiläufig, dass wir dies alles als einwöchige Tour bei ihm buchen können.
Die Stunde vergeht im Flug, wir legen die Ausrüstung erneut an – bis auf Anja. Sie friert und verzichtet auf den zweiten Tauchgang. Tropische Gewässer seien ihr doch lieber – Mexiko, die Philippinen, Hawaii. Ich kann es kaum erwarten, wieder in die blaue Schlucht ein zu tauchen.
Ich entschwebe in ein blaues Universum mit hellblauer Milchstraße am Himmel.

Hartgesottene Taucher können sich in der Eislagune Jögurssalon versuchen.

Experienced and adventurous divers can try to dive the ice lagoon of Jögurssalon.

Pour les plongeurs plus aventureux, il est possible de plonger la lagune de glace de Jögurssalon.

Die Anreise nach Reykjavik erfolgt per Flugzeug. Vom Flughafen Kevlavik fährt der Flybus Sie direkt ins Hotel. Regelmäßige Flüge nach Island unternehmen unter Anderem Iceland Air (Frankfurt), Iceland Express (Frankfurt), Ryanair (Hahn) und LTU (Düsseldorf & München). Flüge sind ab 350 EUR zu haben. Die Ausrüstung können Sie vollständig ausleihen. Zum Einsatz kommt Trockentauchausrüstung von Poseidon. Hedinn Olafsson holt Sie am Hotel ab und bringt sie nach den Tauchgängen zurück. Weitere Tauchangebote: Tauchgänge in der Jögurssalon-Eislagune (zwischen Eisbergen), zu unterseeischen Thermalquellen („Black Smoker“), zu Schiffswracks vor der Küste. Dies kann auch als 1-Wochen- und 2-Wochen-Rundreise „Tauchen rund um Island“ durchgeführt werden.



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